Roman
von
1914
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
Stuttgart und Berlin
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Copyright 1914 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
Eine Frühlingsnacht endete, und das neue Tagewerkbegann. Droben im sehr geräumigen Erker ließ sich deralte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag jetzt die Nächteoft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis zwischenden Spalten der Vorhänge ein grauer Schein bemerkbarwurde. Diesen grauen Schein der Morgendämmerungnannte er schon »Tag«, und damit gestand er sich dasRecht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn sein treuerLeupold konnte den mächtigen Körper nicht mehr alleinregieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werdenmüssen. Und so zwang sich der alte Herr mit ingrimmigerSelbstbeherrschung, noch ein neues Gesicht in seiner Nähezu ertragen.
Stöhnend und durch das vergebliche Bemühen, selbsttätigsich zu bewegen, seinen Helfern die Handhabungennoch erschwerend, kam er in die rechte Lage. Nun saßer leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder bezogenenStuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt arbeitendeMechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedeneSchräg- und Steilstellungen bringen ließ. Auch einebreite Tischplatte kam von der Erkerwand geräuschlosnahe und zog sich wieder dahin zurück, je nachdem einkaum bemerkbarer Knopf an der äußeren rechten Armlehneberührt wurde. Auf ähnliche Weise konnten von der[6]gegenüberliegenden Wand ein Bücherregal und eineSchreibgelegenheit herangeholt werden. Diese Beweglichkeitall der toten Dinge gab ihnen etwas von demLeben treuer, aufmerksamer und stumm wartender Tiere.Sie machte den seit einigen Monaten halbseitig Gelähmtenunabhängiger von seiner Bedienung und gewährte ihm,was seit langen Jahren sein höchstes Bedürfnis gewesenwar: Stunden ungestörter Einsamkeit. In ihr konntesein Kopf am raschesten und gesammeltsten arbeiten.Jetzt in dieser frühen Stunde mußte der bewegliche Tischdas erste Frühstück tragen. Mit nie erlöschendem Zornaß der alte Herr diesen Haferbrei und den Hühnerflügeloder was die ärztliche Verordnung ihm sonst noch anleichter Kost gestattete.
»Das hast du nicht gedacht, Leupold, daß du michmal päppeln müßtest wie ’ne Wöchnerin,« sagte er.
»Es ist ja nur vorübergehend, Herr Geheimrat,«tröstete Leupold und schob noch handlicher Teller undLöffel zurecht.
»Wenn er wüßte, wie er seinen Ton gegen michverändert hat!« dachte der Geheimrat erbittert. »Na ja– wie denn nicht! Früher war ich sein Herr, jetzt ist erim Grunde der meine.«
Aber in Leupolds etwas bräunlichem Gesicht und inseinen klugen dunkeln Augen war wirklich nichts vonÜberhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem freundlich-gleichmäßigenAusdruck, den er sich in mehr als fünfundzwanzigJahren angewöhnt hatte, schnitt er das weißeFleisch von dem Brustknochen des jungen Huhnes herab.Wenn man einem mächtigen, übermäßig beschäftigtengroßen Herrn dient, dem das Blut rascher durch die Adernläuft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt manGleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal