
Ein livländisch Herz

Katharina I. von Russland
Geschichtlicher Roman
von
Hans Freimark
Siebzehntes bis einundzwanzigstes Tausend

Verlag von Rich. Bong, Berlin W.
Alle Rechte,
auch das der Übersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten.
Copyright 1918 by Rich. Bong, Berlin.
Druck von Hallberg & Büchting in Leipzig
Vor Narwa schanzten die Russen.
Der Zar Schulter an Schulter mit seinen Preobraschenskern.
Die Leute waren nicht eben emsig beimWerke. Es fegte ein widriger, naßkalter Nordwestvon der See her über die livländische Ebene, ließdas Gebein erstarren und lähmte die Finger.
Unverdrossen nur der eine: Zar Peter.
Witternd sogen seine Nasenflügel den herbenSalzgeruch, den der Wind mit sich trug.
Die festen breiten Hände stießen den Spatenmit verbissenem Eifer in den angefrorenen Boden.Der Oktober ging zu Ende. Seit einem Monat lager vor der schwedischen Festung, und der leichteSieg, den er sich erhofft hatte, wollte sich nochimmer nicht einstellen.
Klatschend warf er die abgestochenen Schollenum sich her zu Haufen.
Stunde um Stunde stand er schon im kleinlichstenFronwerk. Der Schweiß rann in Strömenüber seine aufgewühlten Züge.
Einer der Garden, sein Nachbar, trat dicht anihn heran, hob den schmutzigen, fettigen Ärmel undfuhr ihm wischend über das feuchte Gesicht. Dabeimurrte er gutmütig: »Solltest dich schonen, Väterchen,deine Kraft sparen.«
Peters Augen blitzten den Mann an: »Narwamuß mein werden. Morgen.«
Der große ungeschlachte Mensch nickte bedachtsam:»Der heilige Nikolaus behüte dich, Väterchen.Du bist zu eilig. Das Korn wird auch nichtin einem Tage gedroschen, und schließlich sitztdu doch am Tisch und ißt das Brot aus dem feinenMehl.«
Über die rechte Wange des Zaren lief ein heftigesZucken, die Schläfenadern schwollen zu dickenSchlangen, stoßend kamen die Worte aus dem zusammengepreßtenMunde: »Nicht immer ist derder Essende, der der Dreschende war.«
Der Preobraschensker stieß gelassen die mächtigenSchultern in die Höhe: »Wie's der Herr gibt.Was der Vater sät, ist Gut den Seinen. Einen rechtenVater freut das Säen um des Sattwerdens seinerKinder willen.«
Die Schippe flog beiseite. Die Fäuste desZaren packten den Mann und rückten sich die derbeGestalt gerade vors Gesicht:
»Sage das noch einmal!«
Gehorsam wiederholte der Gardist den Spruch:
»Einen rechten Vater freut das Säen um desSattwerdens seiner Kinder willen.«
Ganz langsam sagte er es, einfach, voll gläubigerZuversicht.
Im Gesicht des Zaren jagte ein Zucken dasandere. Die Finger