Albert Ehrenstein

Tubutsch

 

 

 

2. Auflage

 

 

 

 

Verlegt bei Georg Müller
München und Leipzig
1914

 

 

 

 

 

 

Copyright by Georg Müller, München-Leipzig

 

 

 

 

Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Icherwähne das nur deswegen, weil ich außermeinem Namen nur wenige Dinge besitze . . .

Es ist nicht die Melancholie und Bitterkeit desHerbstes, nicht die Vollendung einer größeren Arbeit,nicht die Benommenheit des aus langer, schwererKrankheit dumpf Erwachenden, ich verstehe überhauptnicht, wie ich in diesen Zustand versunken bin. Ummich, in mir herrscht die Leere, die Öde, ich binausgehöhlt und weiß nicht wovon. Wer oder wasdies Grauenvolle heraufgerufen hat: der großeanonyme Zauberer, der Reflex eines Spiegels, dasFallen der Feder eines Vogels, das Lachen einesKindes, der Tod zweier Fliegen: danach zu forschen,ja auch nur forschen zu wollen, ist vergeblich, törichtwie alles Fahnden nach einer Ursache auf dieserWelt.

Ich sehe nur die Wirkung und Folge. Daßmeine Seele das Gleichgewicht verloren hat, etwasin ihr geknickt, gebrochen ist, ein Versiegen derinneren Quellen ist zu konstatieren. Den Grunddavon, den Grund meines Falles vermag ich nichteinmal zu ahnen, das Schlimmste: ich sehe nichts,wodurch in meiner trostlosen Lage eine wenn auchnoch so geringe Änderung eintreten könnte. Weileben die Leere in mir eine vollständige, sozusagenplanmäßige ist bei dem beklagenswerten Fehlenirgendwelcher chaotischer Elemente. Die Tage gleitendahin, die Wochen, die Monate. Nein, nein! nurdie Tage. Ich glaube nicht, daß es Wochen, Monateund Jahre gibt, es sind immer wieder nurTage, Tage, die ineinanderstürzen, die ich nicht durchirgendein Erlebnis zu halten vermag.

 

Wenn man mich fragte, was ich gestern erlebthabe, meine Antwort wäre: „Gestern? Gestern istmir ein Schuhschnürl gerissen.“

Vor Jahren, riß mir ein Schuhschnürl, fiel einKnopf ab, war ich wütend, erfand einen eigenenTeufel, der diesem Ressort vorstand, und gab ihmsogar einen Namen. Gorymaaz, wenn ich michrecht entsinne. Reißt mir heute unterwegs ein Schuhschnürl,danke ich Gott. Denn nun darf ich miteiniger Berechtigung in ein Geschäft treten, Schuhschnürlnverlangen, die Frage, was ich noch wolle,mit: „Nichts!“ beantworten, an der Kasse zahlenund mich entfernen. Oder aber: ich kaufe einem derunerbittlich: „Vier Stück fünf Kreuzer!“ schreiendenKnaben seine Ware ab und werde von mehreren Leutenals Wohltäter angestaunt. Auf jeden Fall vergehendadurch etliche Minuten, und das ist auch etwas!

Man sage nicht, ich sei wohl besonders geschicktdarin, Langeweile zu empfinden. Das ist nicht richtig.Ich habe von jeher die außerordentliche Fähigkeitbesessen, ich war von jeher mit dem Talent dotiert,die Zeit zu vertreiben, unter allen denkbaren Beschäftigungendie exotischeste ausfindig zu machen.

Beweis dessen: als ich unlängst in die Gansterergassegehen sollte, trat ich auskunftheischend aneinen Wachmann heran, obwohl mir die Lage des genanntenStraßenzuges unbekannt war. Da nunmachte ich eine wichtige Entdeckung, die mir geeigneterscheint, mehrere Weltgesetze zu erschüttern.

Der Wachmann roch nach Rosenparfüm. Manbedenke: ein parfümierter Wachmann. Welch einecontradictio in adjecto! Im ersten Augenblicke trauteich meiner Nase nicht. Zweifel an der Echtheitdes Sicherheitsmannes stiegen in mir empor. Vielleichthatte ein geriebener Ver

...

BU KİTABI OKUMAK İÇİN ÜYE OLUN VEYA GİRİŞ YAPIN!


Sitemize Üyelik ÜCRETSİZDİR!